Was tun?

…schütze Dich selbst!

Es versteht sich von selbst, dass alle Versuche, auf die Frage nach dem angemessenen Handeln global zu antworten, unsinnig und zum Scheitern verurteilt sind. Sämtliche geistigen und praktischen Hervorbringungen der historischen Lebensreformbewegung, der historischen Bewegung des Dritten Weges, der historischen Jugendbewegung und der sogenannten Alternativbewegung kreisen seit nun über einhundertunddreißig Jahren in jeweils weltanschaulich stark aufgeladener Form um die Frage nach dem richtigen, natur- und menschengemäßen Lebensstil.

Die Frage nach dem angemessenen Leben für alle Menschen ist nach wie vor unbeantwortet, die Machtmittel unverändert sehr ungleich verteilt. Dennoch kann uns nach zwei menschenfressenden Weltkriegen und einer nicht abreißenden Kette von Stellvertreterkriegen das Jahrhundert der Weltanschauungen endlich gestohlen bleiben.

Was jede/jeder tun kann, sollte individuell realistisch, im Kontext und mit Blick auf die Zukunft sinnvoll sein. Im Grunde handelt es sich um die bekannten Wege, um die Maxime global denken, lokal handeln   konsequent mit Leben zu erfüllen:

 
Sicherung der persönlichen Freiheit
Alltagsleben nach ökologischen Gesichtspunkten
 

Doch mögen sich ganz und gar unterschiedliche Blickwinkel auf das zeitgenössische Geschehen und die möglichen Konsequenzen ergeben: Was die Eine als persönliche Chance wahrnimmt, mag für den Anderen eine Gefahr sein, die es zu bekämpfen gilt.

Abhängig von Sozialisation und Biographie gehen die Vorstellungen von Werten und Zielsetzungen und davon, wie sie erreicht und erhalten werden können, zu weit auseinander, als dass Rezepte am Platz wären.

Freiheit

Nur ein Werkzeug, aber eines der wichtigsten, zur Verwirklichung persönlicher Freiheit, unabhängig davon, was das jeweils konkret bedeutet, ist das Geld. Nur die Verfügungsgewalt über genügend finanzielle Resourcen verleiht die Mittel zur Aufrechterhaltung und Absicherung der Souveränität über das eigene Leben.
Die größte Gefahr in diesem Kontext ist die Inflation, die innert kürzester Zeit die schönsten Vorsorgepläne zu Makulatur werden lassen kann.
Als Geld in seiner wertbeständigsten Form erweist sich immer wieder, selbst über langwierige geschichtliche Abläufe hinweg, das Gold.

Die persönliche Freiheit und Unabhängigkeit ist natürlich eine liebgewonnene, abstrakte Illusion, denn wie der Schlager weiß: Niemand ist eine Insel.
Entscheidende Rolle bei der Umsetzung der angedeuteten Gedankengänge spielt die Einbeziehung in das soziale Umfeld, vor allem der Familie, der Verwandtschaft, Freunde und Nachbarn, in das Geflecht der gegenseitigen Hilfe.
Wir bewegen uns hier auf ganz und gar traditionellem Boden.
Je mehr sich Abhängigkeiten von Händlern und Dienstleistern aller Art durch eigene Leistungen oder Leistungen auf Gegenseitigkeit reduzieren lassen, desto besser. (Sehr aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang der Erfahrungsbericht Post-Soviet Lessons for a Post-American Century von Dmitry Orlov aus dem Jahr 2005)

Eigentlich eine Trivialität, aber doch immer wieder wichtig zu beherzigen: In unsicheren Zeiten ist es unklug, nach Schema F zu verfahren. Eingefahrene Wege mögen Sicherheit versprechen, aber Flexibilität bringt größere Handlungsspielräume.

Ökologischer Alltag

Die Buchläden sind voll mit Ratgebern zum natürlichen Leben — ein Hinweis darauf, wie wenig natürlich das Leben in den industrialisierten Zonen in Wirklichkeit ist. Die folgenden Schlagworte sollen nur die Handlungsmöglichkeiten aufzeigen.

Verkehr und Transport

Individualverkehr und Transport haben aktuell den größten Anteil am Verbrauch fossiler Brennstoffe. Grundsätzliche steht die Gemeinwesenorientierung des Verkehrswesens und die Bevorzugung von Schiene und Wasserstrasse beim Komplex Verkehr und Transport ganz oben auf der Tagesordnung. Freiwillige oder erzwungene Veränderungen im Verbrauchsverhalten werden weitreichende Folgen zeitigen.

  • Weitgehender Verzicht auf automobilen Individualverkehr
  • Nutzung von Fahrgemeinschaften und Car-Pools
  • Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs (Schiene)
  • Bevorzugung von Fahrrad, Dreirad oder Rikscha im lokalen Verkehr
  • Weitgehender Verzicht auf Kurz- und Mittelstreckenflüge, stattdessen Bahnverkehr
  • Im lokalen Bereich möglichst autofreier Transport
  • Konsumgüter mit geringem Ferntransportanteil bevorzugen

Diese wenigen Gedanken zeigen schon, dass es hier vor allem um Zeit geht und darum, wie man sein Leben organisiert. Aber für den ökologischen Gewinn muss vielleicht dass Gleichgewicht zwischen Arbeit und Familie, Freizeit und Familie, neu verhandelt werden.

Energieversorgung

Die Energieerzeugung, primär Elektrische Energie, ist der zweitgrößte Konsument fossiler Brennstoffe. Privatleute ohne Eigenheim haben nur wenige Möglichkeiten, bei der Energieversorgung nach eigenen Kriterien zu verfahren. Mittel der Wahl ist hier die freie Wahl der Energieversorgers. Dabei muss im Einzelnen abgewogen werden, ob die Bevorzugug lokaler Versorgungsstrukturen oder bestimmter Energiearten (z.B. kein AKW-Strom) im Vordergrund stehen soll.

Eigenheimbesitzer oder -bauherren haben immerhin etliche Möglichkeiten, die Energieeffizienz und die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen direkt zu beeinflussen:

  • Niedrigenergie- oder Passivhausbau
  • Einsatz erneuerbarer Energieen je nach Gegebenheit
    • Solarenergie
    • Wärmepumpe
    • Wind
    • Wasser

Die Wohn- und Siedlungsweise bietet über die unmittelbare Entscheidung für bestimmte Energieträger hinaus noch eine ganze Reihe von Möglichkeiten, den energetischen Fußabdruck so gering wie möglich zu halten; hier nur einige Grundgedanken:

  • Siedlungsprojekte mit minimalem Flächenbedarf bevorzugen
  • Altbausanierung vor Neubau,
  • Siedlungskonzepte auf Autoverzicht optimieren
  • Siedlungskonzepte auf Nachbarschaft und Zusammenleben mehrer Generationen auslegen

Die Wahl von Baumaterialien wie Lehm und Holz, die Anlage spezieller Räume für die Vorratshaltung (z.B. Kellergewölbe), Entscheidung über die Methoden der Wasserrückgewinnung und Abwasserverwertung sowie die konsequente Umsetzung von Methoden zur Müllvermeidung sind weitere Eingriffsmöglichkeiten zur Verminderung des Bedarfs an fossilen Energieträgern.

Ernährung

Die industrialisierte Agroproduktion verschlingt unmittelbar über den Maschinenpark und mittelbar über Bewässerung, Düngemittel, Pestizide und weitere Hilfsmittel erhebliche Mengen an fossilierten Kohlenwasserstoffen. Bodenverarmung und Erosion wird durch die Wirtschaftsweise gefördert, die genetische Vielfalt zugunsten der Interessen eines Oligopols von transnationalen Agro-, Chemie- und Pharmakonzernen massiv gefährdet.

Lebensgewohnheiten und Konsumgewohnheiten in den Industriestaaten, wie das ständig steigende Lebenstempo und das Verlangen nach bequem zu konsumierenden Ernährungsprodukten führen nicht nur zu einem breiten Verlust an Fähigkeiten in der Nahrungsmittelherstellung, -zubereitung und Lagerung, sondern aufgrund der Konzentration auf modische Eigenschaft zu einer Bedrohung der genetischen Vielfalt bei domestizierten Tier- und Pflanzenformen.

Und nicht zuletzt gibt es genügend Stimmen, die von direkter Gefährdung der langfristigen Gesundheit durch die Produkte der Agro- und Nahrungsmittelindustrie warnen.

Wer die Möglichkeiten hat, nutzt die Angebote lokaler

  • Bio-Bauern
  • Bio-Bäcker
  • Bio-Fleischer

und ganz allgemein des Naturwarenhandels. Lokale und regionale Produktions- und Dienstleistungsstrukturen zu bevorzugen und sowenig transportabhängig zu konsumieren, wie möglich, verkleinert den ökologischen Fußabdruck und bietet vielfach die letzten Überlebensnischen für die Vielbeschworenen: Mittelständisches Handwerk und Mittelständischer Handel.

Ausblick auf eine Welt

… ohne innere und äussere Sicherheit

Folgewirkungen für die Entwicklung individueller und gesellschaftlicher Moral lassen sich nur dunkel erahnen.

Es wird eine Welt sein mit schrumpfenden Intervallen zwischen den verschiedenen Krisenszenarien und wachsenden Schwierigkeiten, eine wirkungsvolle Lebenszeit-Vorsorge und Lebensplanung erfolgrech zu meistern. Und es wird ebenso eine Zeit grosser Verwirrung wie grosser Wanderungsbewegungen sein.

Die Geschwindigkeit, mit der die Veränderungen sich einstellen und auswirken werden, wird sich sprunghaft erhöhen. Die Diskrepanz zwischen gefühlter Sicherheit und statistisch messbarer Sicherheit wird wachsen. Die denkbaren Krisenszenarien bieten sich zur politischen und/oder medialen Ausbeutung durch und in angstgeführten Kampagnen geradezu an.

Eine langwierige und tiefgreiende Folgwirkung der inflationären Geldpolitik der letzten 25 Jahre wird sein, dass im Zuge der massenhaften Liquidation von Investitionen in langfristig nicht tragfähigen Bereichen der sog. Mittelstand radikal verarmen wird.

Die gültige Globalisierungsdoktrin fördert das Verlagern der produktiven Basis ganzer Industrien an den Ort des jeweils geltenden Absoluten Kostenvorteils.

Sehr viel Geld wird herrenlos und kann billig eingesammelt werden, sehr viele kleine Leute werden herrenlos und können billig eingesammelt werden.

Es kommt zu dramatischen Wohlstandsumverteilungen (Konzentrationen und new fortunes ) und massenhaften dramatischen Biografiebrüchen bzw. Loyalitätsumschichtungen. Die gesamte Entwicklung wird von der Masse der Bevölkerung sehr lange als Bedrohung und Verlust erlebt (Vermögensverlust, Krankheit&Hunger, Zerfall der sozialen Strukturen).

Parallelen zu Entwicklungen der 30ger Jahre des 20. Jahrhunderts sind naheliegend und möglicherweise nicht zufällig.

Extrapolationen

Im Licht der Entwicklungen seit 9-11-01 stellen sich Ereignisse wie die Niederlage der Sowjetunion ganz anders dar: Vielleicht musste sie abtreten, weil sie als Feindbild nicht mehr liefern konnte. Die erzwungene Stasis durch die Balance der gegenseitigen Auslöschung verhinderte den freien Zugriff auf alle Resourcen und Märkte weltweit und den freien Zugriff auf die Souveränität innen. Das neue Feindbild Terror ist ad libidum steigerbar und somit frei für alle Arten der Freiheitseinschränkung.

Das alte Feindbild Kommunismus ließ unter der atomaren Glocke lediglich die Erhaltung des bestehenden Systems zu.

Im Zusammenhang der hegemonialen Doktrin (A Clean Break, Rebuilding America's Defenses) stellen sich auch die Ereignisse um die Feldzüge in Afganistan und im Irak anders dar:
Das nichtvorhandene Kriegsziel, die krebsartig wuchernden Kriegskosten und ständig neu entstehende, immer brutalere Binnenkonflikte etc. sind nicht Ergebnisse mangelnder Planung, unfähiger Strategen, persönlicher Egoismen etc., sondern genau das, was geplant war und gebraucht wird – eine sich selbst fortzeugende mediale Legitimationsbasis für alle weiteren, Schritt für Schritt entgrenzteren Aktionen im Sinne der Doktrin. Nur in einem – willkürlich herbeigeführten – Kontext drohender Unterlegenheit lässt sich der geplante Einsatz taktischer nuklearer Waffen ebenso rationalisieren und normalisieren, wie der akut sinnlose, aber langfristig erwünschte Einsatz von Konzentrationslagern und systematischer Folter.
Ziele, die nebenher wie automatisch erreicht werden:

  • Staatlichkeit wird weiter diskreditiert, da sie faktisch nicht dem Gemeinwesen dient noch der Abwehr korporativer Ansprüche, sondern lediglich der Durchsetzung von Partikularinteressen, Steuern und Militär.
  • Überstaatliche Zusammenschlüsse wie EU erzeugen zur Administrativen Durchsetzung überproportionale Bürokratien, was den Prozess der Kaperung durch Einzelinteressen und Korruption beschleunigt begünstigt.
  • Eine Unterscheidung zwischen den Aktivitäten des sog. Organisierten Verbrechens und legalistischer Ökonomie ist sachlich nicht mehr sinnvoll und praktisch nicht mehr möglich.

Konkrete Loyalität wird drei Gesichter haben:

Familie, Brotgeber, Heilsbringer

„Umbrüche dieser Art lassen sich natürlich unglaublich schwer organisieren und individuell wie kollektiv verkraften. Auf alle Fälle ist mit großen sozialen Auseinandersetzungen zu rechnen. Es kommt daher darauf an, dass man Regeln findet, um diese Konfliktaustragung friedlich und produktiv zu gestalten, damit hinterher auch etwas Positives herauskommt.“

Elmar Altvater
am 13. Juli 2005 im Interview "Die Erde ist kein Füllhorn" mit derStandard.at

Ansatzpunkte

Einige willkürlich ausgewählte Einstiegspunkte unter Vielen im Netz

The

  • Margaret Beare (HG)
    Critical Reflections on Transnational Organized Crime, Money Laundering and Corruption. Toronto 2003
  • Eva Joly
    Im Auge des Zyklons. Mein Kampf gegen internationalen Finanzbetrug. München 2006
  • Korten, David C.
    When Corporations Rule the World. Bloomfield & San Francisco 22001
  • Roth, Jürgen
    Ermitteln verboten! Warum die Polizei den Kampf gegen die Kriminalität aufggeben hat. Hamburg 22008
  • Scheuch, Erwin K / Scheuch, Ute
    Cliquen, Klüngel und Karrieren: über den Verfall der politischen Parteien – eine Studie. Hamburg 1994
  • Scheuch, Erwin K. / Scheuch, Ute
    Manager im Grössenwahn. Hamburg 2003
  • Michael Woodiwiss
    Gangster Capitalism: The United States and the Globalization of Organized Crime Toronto 2005


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