Als ich vor einigen Tagen, am 22. Februar 2011, Solveig Grothes Artikel Festung des brüllenden Lords
bei einestages.spiegel.de las,
kam mir das alles irgendwie bekannt vor, wenngleich mir die Namen der Hauptpersonen nichts sagten. Von
Lord Sutch
hatte ich bis dahin nichts gehört.
Aber irgendwas war da doch schon mal mit Radiopiraten gewesen. Nach ein bisschen Sucherei im Archiv ging mir das Licht auf: Ich hatte etliche Wochen zuvor zwei Beiträge von Simon Matthews über Anfänge des privaten Rundfunks und die Piratensender im britischen Lobster Magazine gelesen. Der konkrete Anlass war hier der Tod von DJ Simon Dee gewesen.
Ein erstes, oberflächliches Überprüfen erbrachte einige übereinstimmende Namen. Neben einer kurzen Erwähnungen von Lord Sutch findet sich bei Mathews noch etwas mehr zu seinem Geschäftspartner Reginald Calvert. In Lobster 58, The devil has all the best songs: reflections on the life and times of Simon Dee, auf den Seiten 15, 16, und 19. steht vor allem Calverts tödliche Auseinandersetzung mit Major Oliver Smedley, um Besitzrechte an Sendegerät, im Vordergrund. Diese dramatische Episode lieferte eine wichtige Legitimation zur Schließung der Piratensender.
Major Oliver Smedley, der Mann, der Reginald Calvert tötete, spielt keine unwichtige Rolle mit seiner Einbindung in die Geschäftswelt und Verstrickung in die ordnungspolitischen Motive hinter den diversen Piratensendern. Das ist also historisch durchaus interessant. Außerdem stellt es sich bei Matthews so dar, als sei Lord Sutch nicht nur aus spontanem Protest, sondern auch unter Anregung Calverts zum politischen Aktivisten geworden:
Sutch scheint ein ernsthafter Verehrer Winston Churchills gewesen zu sein und seine Kanditatur gegen Harold Wilson entsprach wohl seinen politischen Anschauungen wie auch Calverts und dessen geschäftlichen Interessen.
Simon Matthews schreibt dazu:
Under his guidance Screaming Lord Sutch stood as a National Teenage Party candidate in the 1963 bye-election caused by Profumo's resignation and also ran against Harold Wilson in Huyton in 1966 – when the government forcing 'pirate' radio stations to close was something of a political issue with younger elements of the electorate.
In seinem Beitrag für Lobster Magazine 59 stellt Simon Matthews ausführlich dar,
dass es sich bei dem jahrelangen Kampf für Privaten Rundfunk weder
um eine rein geschäftliche
Angelegenheit gehandelt haben kann, noch nur um ein harmloses subkulturelles Aufbegehren gegen die Rundfunkhoheit der BBC.
Die Befriedigung des Publikumsverlangens nach Vorstössen in die Welt der gerade entstehenden Pop-Kultur bietet Gelegenheiten für verschiedenste Geschäftsleute, regierungsnahe Dienste und obskure weltanschaulich-religiöse Gruppen, ihre jeweils eigenen, zumeist strikt anti-kommunistischen, Agenden praktisch umzusetzen. Wie Matthews zeigen kann, spielt der ökonomische Erfolg dabei eine geringere Rolle als der propagandistische und langfristig politische Erfolg.
Für Grothe, die nach Angaben von einestages.de stets nach spannenden Geschichten sucht, sind das allerdings nur Marginalien, ihr geht es um die Darstellung David Edward Sutch' als anarchischen Paradiesvogel mit typisch britischem Spleen. Ob ihr ausser an Sensationellem und Sonderbarem sonst noch an Merkwürdigem gelegen ist, ist nicht recht auszumachen.
Mein tiefergehendes Interesse an Grothes Beitrag war ursprünglich durch das Fehlen jedweder weiterer Information geweckt worden. so wie sie Simon Mathews in seinen beiden Lobster-Artikeln bietet: Hintergrundinformationen zu Herkunft, Motiven und Vernetzung der Pioniere des Privaten Rundfunks.mit der Erzählung der Karriere von Simon Dee verknüpft.
Davon ist bei Grothe nichts zu finden. Geschichte wird bei ihr zu curiösen
Geschichten.
Damit das gelingt, bedient sie sich dann reichlich beim Zeitzeugen Colin Dale.
Einen so freihändigen Umgang mit Zeitzeugenberichten wie den ihren hatte ich nun eigentlich nicht erwartet.
Ganz ungeniert werden hier absatzweise die Erinnerungen
Colin Dales an die Zeit mit Sutch ausgeschlachtet,
ohne dass es einen nachvollziehbarenen Hinweis auf die Quellen der ausgiebig zitierten Passagen gäbe.
Wissenschaftliches Zitieren ist bei einem massenmedial zurechtgestutzten Beitrag nicht zu erwarten, aber dass hier auch die journalistische Fairness derartig ignoriert wird, das erstaunt dann doch.
Anbei zwei Textbelege für diese Arbeitsweise, die wohl gerade durch einen egomanen Bundesminister die höheren Weihen empfangen hat.
Das Original:
On one occasion Reg Calvert left me and Brian alone to run the station while he went back to land. He instructed me on how to run the manky old transmitter and batteries etc. (you must remember this set up was a bit Heath Robinson – there were wires running and hanging everywhere. It was a compleate mess. I sometimes wonder how we got it all to work, but we did). Once, I was upstairs doing an hour spot on the radio when Brian Paull started shouting, 'We're in trouble down here'. I shouted back, ' We are always in trouble on this damn station'. I stuck on an LP record (don't forget we only had one turntable at the time!) and dashed downstairs to find the whole place on fire. All the wiring was ablase. It looked like a giant catherine wheel. Everything was burning while Brian was stood there screaming his head of... thank God for dry foam. I grabbed an extinguisher, started it working-but got it wrong. Brian stood there, covered from head to toe in foam! After we had put the fire out we both started laughing. We didn't stop laughing for the next 24 hours – and it took that amount of time to clean up the mess. Needless to say Radio Sutch was of the air for three days. When Reg got back he did his nut, blaming me for it all. I just made one comment: 'Why dont you spend some money and get some decent equipment?' We did not speak for a week.
Und so liest es sich bei Solveig Grothe:
Etwa an jenem Tag, an dem Dale mit seinem Kollegen Brian Paull allein auf dem Turm war, gerade in der oberen Etage moderierte und Paull von unten rufen hörte: "Wir sind hier unten in Schwierigkeiten!" …"Ich schrie zurück: 'Wir sind immer in Schwierigkeiten auf dieser verdammten Station!" Er habe dann, so erzählt Dale, eine Platte aufgelegt, sei nach unten gestiegen - und habe die Flammen gesehen: "Alles brannte. Die Verkabelung glühte. Und Brian schrie. Gott sei Dank gab es Trockenschaum. Ich griff nach dem Feuerlöscher, aber irgendwas muss ich falsch gemacht haben. Brian stand danach von Kopf bis Fuß in Schaum." Drei Tage lang blieb Radio Sutch damals stumm.
Noch ein Beispiel, zuerst das Original
The Navy Lark – 'This is the Captain speaking. Come out with your hands up or we are going to board you. You are camped on these towers illegally'. Imagine, it was early in the morning, we were all sound asleep when Her Maj's ship arrived to try and get us off the towers. The first words that came out of Brians mouth were, 'Piss off – we're tired. We have been up half the night trying to fix a broken generator'. David Sutch shouted back, ' If you try and climb the ladders to get us, we'll cover you in chip fat'. The chip fat was two months old and it stunk. I just went back to sleep . I was dreaming about Mandy Rice Davis! When I woke up the navy had gone, leaving us some fresh drinking water and a basket of fruit. They must have thought we had scurvy!
Die Übertragung
"Kommen Sie mit erhobenen Händen raus!" Eine raue Lautsprecherstimme riss die Radiopiraten eines Morgens unsanft aus ihren Träumen. "Hier spricht der Kapitän," hallte es zu den verschlafenen DJs, "kommen Sie mit erhobenen Händen raus oder wir kommen zu Ihnen rauf." Vor Shivering Sands lag ein Kriegsschiff der königlichen Marine. Die Besatzung war von der Admiralität beauftragt worden, die illegal besetzte Militäranlage zu räumen. Brian Paull fasste sich als erster, mürrisch brüllte er hinunter: "Verpisst euch - wir sind müde. Wir haben die halbe Nacht versucht, einen Generator zu reparieren."
Sutch war nicht bereit, seine Station zu räumen. "Wenn Sie versuchen, die Leitern zu uns hochzuklettern," drohte er der Royal Navy, "begießen wir Sie mit Frittenfett." Das war es dem Verteidigungsministerium dann wohl nicht wert. Unverrichteter Dinge fuhr das Schiff davon.
Dass in Colin Dales Erzählung der eigenen, spannenden Erlebnisse der Tonfall der Räuberpistole vorherrscht, entspricht ganz und gar eben diesem Genre der biografischen Erlebnisberichte. Dass aber der Beitrag von Solveig Grothe fast über die gesamte Länge diese sensationalistische Froschperspektive nicht verlässt, wirft ein Schlaglicht darauf, wie Geschichte erfolgreich massenkompatibel zurechterzählt werden kann.
Der hohe Unterhaltungswert ist gegeben. Lord Screaming Sutch, dessen Name ich vorher nicht kannte, kenne ich jetzt. Aber bei der Einordnung und Bewertung der Bedeutung der erzählten Ereignisse werde ich von der Autorin alleingelassen. Wie gut, dass die Lobster-Ausgaben seit Heft 58 vollständig und kostenlos im Netz abrufbar sind.
Die Festung des brüllenden Lords. RADIOPIRATEN
EINESTAGES - 22. Februar 2011 11:39
Colin Dale Radio Sutch
In his own words - Colin's memories of life on the ocean wave - Radio Sutch
Simon Matthews:
The devil has all the best songs: reflections on the life and times of Simon Dee Lobster Magazine 58 Page 4
I helped carry William Burroughs to the medical tent: further thoughts on the 'pirate' radio stations of the 1960s Lobster Magazine 59 Page 34
LOBSTER. The Journal of Parapolitics
Lobster is published and edited by Robin Ramsay:
Rosalyn Warner:
SCREAMING LORD SUTCH - HISTORY & TIMELINE
Hans Knot:
Hans Knot's International Radio Report - August 2009
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Radio City (pirate radio station)