Wenn die individuelle Freiheit in Urteilen und Handlungen mehr als eine bloße Illusion sein sollte, so führen die Wege dorthin wohl nicht über die Abhängigkeit von einen Heer von Fachleuten und Beratern. Aber der Blick auf das Alltagsleben zeigt, dass Abhängigkeit vom Urteil der Experten und Lernen an medial geformten Rollenmodellen längst ganz zwanglos Meinungsbildung und Handlungsmuster bestimmen, denn niemand kann Alles können.
Tun kann ich das, was ich durch Versuch und Irrtum selbst oder am Beispiel anderer in meinen Handlungen gelernt habe.
Als für mich wahr kann ich das anerkennen, was mir nach Prüfung der Aussagen und Quellen am plausibelsten erscheint.
Als gerechtfertigt kann ich das ansehen, was meinen als wahr anerkannten Lebensgrundsätzen entspricht.
Der unaufhörlich durch Abgrenzung und Herauslösung aus historisch gewachsenen sozialen Bindungen voranschreitende Prozess der Individualisierung hat uns, auf solche Weise sozialisierten, Individuen eine ziemlich verzwickte Lebensaufgabe verschafft:
Einerseits wird mir durch die Verantwortung für meine Freiheit als Individuum auch die Detailverantwortung für alle Dimensionen meines Lebenslaufes auferlegt und andererseits zwingt mich allein die schiere Menge zur Delegation von 99% der Routineaufgaben des Lebens an die, die sich gern als so genannte Experten
anbieten. Bei der Befriedigung meiner Bedürfnisse bin ich überwiegend zum Konsum hochgradig standardisierter Artefakte gezwungen.
Meine so heilige und sorgsam abgegrenzte Individualität als Individuum in unserer allumspannenden Warenwelt erweist sich bei näherem Hinsehen genauso als liebgewonnenes Kindermärchen wie die Originalität meines Geschmacks oder die Echtheit der Konsumgüter.
Mein Leben lang bin ich in der Warenwelt überall und vor allem Wähler; Marken und Markenbewußtsein werden gepflegt, damit ich nicht zu oft zum Wechselwähler werde oder gar zum Wahlverweigerer an meiner Konsumpflicht.
Vermeintlich treffe Ich die Entscheidungen meines Lebens, genauer betrachtet aber treffe ich lediglich am laufenden Band Auswahlentscheidungen. Die Präsentation der Optionen zu dieser meiner Wahl erfolgt durch Instanzen von Außen, über die individuelle Anknüpfung an die institutionalisierten Schnittstellen der Warenwelt.
Daher ist meine UmWelt zerlegt in ein weitflächiges aber mikroskopisch kleinteiliges Mosaik von Feinsteuerungen durch die Unbekannten Oberen der Industriegesellschaft, den Warenkonsum und die Kommunikation mit davon geformten sozialen Gebilden.
Ob Autoreparatur oder Kindererziehung, Kleidungs- oder Ernährungsgeschmack, hier bieten Fachleute ihre Hilfe an. Meine Kenntnisse von der Welt und von den Waren meines täglichen Gebrauchs — schaffen und befriedigen mir Experten.
Was mache ich eigentlich wirklich selbst?
Natürlich spielen sich die Dienstleistungsverhältnisse mit diesen und zwischen diesen Spezialisten längst nicht ganz idyllisch von Angesicht zu Angesicht ab, sondern haben sich seit langer Zeit institutionalisiert.
Meine Existenzvorsorge z.B. plant mir der Fachmann der entsprechenden öffentlichen oder privatwirtschaftlichen Institutionen, die spätere Fürsorge übernimmt wieder so ein Fachmann und für die Umsetzung meiner weltanschaulichen und ordnungspolitischen Vorstellungen wirft sich der entsprechende Experte, auch Politiker genannt, in die Bresche.
Selbst etwas scheinbar so Privates wie die eigenen Wertvorstellungen können längst fix und fertig von der zuständigen Ethikkommission bezogen werden.
Die moralischen Konsequenzen des massiven Trends zur Abhängigkeit von Expertenurteilen und zur Vermeidung der Risiken selbstbewußten Handelns sind enorm.
Exemplarisch liefern Verhaltensweisen aus der Logik von Großorganisationen Rollenmodelle für die gesamte Gesellschaft.
Die Konkurrenz immer größerer Kohorten um immer weniger durschnittliche Positionen fördert den Einsatz von persönlichem Marketing, die Erscheinung beeinflusst immer stärker den Erfolg. Der Erfolg rechtfertigt die verwendeten Methoden. Materielle Gier und Erfolg bei der Realisierung persönlicher Gewinne ersetzen langfristige Entscheidungen zugunsten eines gemeinsamen Zieles.
Was genau macht eigentlich diese Berater, die mir in allen Lebenslagen die Mühen der eigenen Entscheidung abnehmen, zu Experten? Genau besehen nichts als der Besitz eines Zertifikats oder Nachweises einer formalen Ausbildung; vielleicht aber auch medialer Konsens oder nur die notwendige Dreistigkeit, sich als Fachmann aufzuspielen. Zu Kompetenzen und Fähigkeiten sagen formale Qualifikationen bekanntlich wenig aus. Dafür sind sie aber flexibel und beliebig anpassbar.
Das Heer der Berater ist inzwischen im Wirtschafts- und Privatleben ein nicht zu überschätzender Faktor globaler Vereinheitlichung von bedeutendem ökonomischen und ideologischem Einfluss; es sorgt für das zyklisch Ausbrechen von Management- und Geschmacksmoden ebenso wie für die Grundlagen von Wirtschaftskrisen.
Ratgeber- und Expertenwesen ist eine mediale Größe: Ratgeber zu jeder Frage des Lebens sind Säulen des globalen Buchmarktes, haben eigene TV-Formate und sind als Auftritt von Experten und Expertenrunden unverzichtbar für jede erfolgreiche Neuigkeiten-Schau. Kein politisches Gremium, das auf sich hält, verzichtet auf die Expertenkommission als geheiligte Methode der Konsensbildung.
Die Entwicklung zum immer aufgegliederteren Ratgeber- und Expertenwesen wird sich voraussichtlich bis in die banalsten Alltagsverrichtungen hinein fortsetzen, solange die industrialisierte Rationalisierung des Arbeits- und Alltagslebens weiter voranschreiten kann.
Solange die energiewirtschaftlichen Grundlagen dieses Wachstumspfades aufrecht erhalten bleiben können, wird die unsichtbare Entmündigung weiterhin ihre Kompensation im Kult des Besitzens finden.
Es ist unwahrscheinlich, dass die zugehörige Wirtschaftsordnung und ihre Wachstumsideologie vor dem Ende des billigen Öl eine Besinnung auf lokales Handeln in eigener Komptenz wirklich zulässt. Dafür sind übergeordnete und überbordend undemokratische Regelwerke wie die EU-Institutionen einfach zu bedeutend geworden.
Anders sein und anders ſcheinen;
Anders reden, anders meinen;
Alles loben, alles tragen,
Allen heucheln, ſtets behagen,
Allem Winde Segel geben,
Bös' und Guten dienſtbar leben;
Alles Tun und alles Dichten
Bloſs auf eignen Nutzen richten:
Wer sich deſſen will befleißen,
Kann politisch heuer heißen.