Archiv: Fiat-Geld & Gottvertrauen

2009-04-17

Einst und heute

Schon der alte Australopithecus schaute wohl mit seinem Sohn in den Sonnenuntergang und sprach die zeitlos gültigen Worte: Ach, weißt Du mein Junge, damals, das waren noch Zeiten…

Aus irgendeinem Grunde ist die Vergangenheit immer golden und die Zukunft immer düster. Was mir heute als Auflösung und Niedergang erscheint, mag meinen Söhnen morgen schon als Überwindung und Aufbruch gelten.

Der süße Traum von der guten alten Zeit offenbart wie die Erwartung von zukünftigen Katastrophen das Unbehagen an der Gegenwart und beleuchtet die Haltung zur Gegenwart durch das implizite moralische Urteil.

Es gab einmal Zeiten, da war die Währung in den USA wertgedeckt durch die Arbeit der Menschen und die Gold- und Silberbestände im Lande. Das umlaufende Papiergeld war nur ein Platzhalter für Edelmetal und konnte nicht beliebig vermehrt (gedruckt) werden.

Silver Certificate des Schatzamtes von 1935 Silber Zertifikat Silber Zertifikat Nominal

Das Schatzamt war verpflichtet, jedem, der es wünschte, die Papiernoten in Gegenwert in Gold oder Silber auszuzahlen. Diese Zeit ging aber endgültig zuende,- schon 1935 beim Gold und 1964 bzw. 1968 beim Silber. Seitdem können Dollarnoten von Privatleuten weder in Silber noch in Gold, gemünzt oder ungemünzt, umgetauscht, sondern lediglich in Münzgeld gewechselt werden.

1 Dollar 1 Unze Feinsilber von 1988
Silberdollar Münze
Ein Silberdollar kostet heute ca. zehnmal mehr als einen Dollar und für eine nominale $50-Münze (Gold Eagle) zahlt man zur Zeit (März 2009) um die 800 Euro oder zwischen $930 und $1050.

Seit 1974 schließlich fiel auch die Bindung der Aussenhandelstransaktionen an Gold und seitdem ist die Währung der USA, und damit die aktuelle Leitwährung unseres Globus und inzwischen alle anderen Währungen, lediglich durch Vertrauen begründet. Mit dem ihnen eigenen, ganz besonders feinen Sinn für Humor ließen die Herren der "Federal Reserve Bank" eine dezente Warnung auf der Wertseite der Noten anbringen:

Federal Reserve Note der Federal Reserve Bank von 1995 In God We Trust In God We Trust
In God we trust

Das Gottvertrauen ist wohl auch dringend nötig, wie wir alle nun erleben dürfen…

Der Teufelstanz der Macht

Nachfolger der Kirche, beanspruchen im 19., 20. und 21. Jahrhundert drei ebenso unfehlbar wahre, ideologische Systeme mit je eigenen Ordnungsideen für die gesamte Gesellschaft von Europa aus die Macht über den ganzen Erdball für sich: Kapitalismus, Kommunismus und Faschismus. Die Anhänger der drei Systeme bekämpfen sich bis aufs Blut, gehen aber je nach Opportunität wechselnde Zweckbündnisse ein. Jedes der Systeme steigt in kurzer Zeit auf zu bisher unvorstellbarer Höhe und bereitet sich nach mehr oder weniger kurzer Zeit selbst in Hybris eine Katastrophe globalen Ausmaßes.

In jedem dieser Systemuntergänge der drei miteinander konkurrierenden Systeme sehen die Anhänger der anderen beiden wiederum eine Chance zum Wiederaufstieg und befördern nach Kräften den Untergang des jeweiligen Todeskandidaten, in der Hoffnung auf die eigene baldige Wiederauferstehung.

Lebensbedingungen: Höllisch

Ich war Gott. Damals, als die digitale Welt noch nicht völlig von Toren & Fenstern beherrscht war, spielte ich eine Zeitlang mit wachsender Begeisterung den obersten Weltenlenker.

Ein Simulationsspiel ließ mich immer wieder von neuem Planeten erschaffen, mit Wesen bevölkern und irgendeine der vielen Lebensformen in die Zivilisation führen.

Hatten diese Lebewesen dann eine bestimmte Stufe der technischen Evolution erreicht und brachen zur Eroberung des Weltalls auf, war der Simulationslauf zu Ende.

Oberstes Ziel der recht komplexen (und doch so vereinfachten) Simulation war es, eine Lebensform erfolgreich durch alle Zivilisationsstufen zu führen und diesen Lebewesen dabei gute oder wenigstens erträgliche Lebensbedingungen zu sichern.

Trotz meiner göttlichen Allmacht habe ich es nie geschafft, dieses Ziel des Spiels zu erreichen. Obwohl ich alle Parameter manipulieren sollte und konnte, ist es mir nie gelungen, über das quantitative Ziel Wachstum hinaus dem qualitativen Ziel Wohlergehen auch nur nahe zu kommen. Die Lebensbedingungen der armen Kreaturen blieben ab der Zivilisationsstufe Industrialisierung stur höllisch!
Als Gott bin ich ein Versager.

Futter für Propheten in wirklich düsteren Zeiten

Individualisierung auf globaler Grundlage

Die Internationale Arbeitsarbitrage und die flächendeckenden Werkzeuge der Kommunikation machen alle Widersprüche zwischen Arbeit und Kapital unmittelbar zu individualisiert erlebten Widersprüchen. Die traditionellen Interessen-Organisationen der Arbeit verlieren ihre Macht als Klassenorganisationen; Arbeit als Institution des Lebensunterhalts verliert ihre Macht an die Gefolgschaft.

Privatisierung: Enteignung zentraler Institutionen gesellschaftlichen Handelns

  • Rechtspflege (z.b. öffentliche Sicherheit, Gefängniswesen)
  • Soziale Sicherung (z.b. Kranken- und Rentenkassen)
  • Kommunikation (z.b. Telko, Post, Bahn)
  • Reorganisation der Arbeits-Institutionen als Unternehmens-Gefolgschaften
  • Transfusion der betrieblichen Organisationsformen in die Gesellschaft
  • Etablierung des Bandenwesens als parallele globale Organisationsform von Gesellschaft
  • Ersetzung der Kompromiss-Demokratie durch Erfolgsdemokratie

Demokratie: Das Schicksal der gesellschaftlichen Teilhabe

Der Vertrauensverlust in das parlamentarische Kompromiss-Systems als Synthese der Ansprüche von Arbeit und Kapital geht Hand in Hand mit dem Verlust an Vertrauen in die Fähigkeiten politischer Institutionen, sinnvoll als Motoren sozialer, kultureller oder ökonomischer Veränderung wirken zu können, auch und gerade je häufiger die Parlamente im Rahmen sogenannter Reformen diese Fähigkeiten für sich beanspruchen.

Politische Institutionen werden zunehmend als Motoren privater ökonomischer Interessen wahrgenommen; die mediale Enthüllung entsprechender Skandale verstärkt den Trend und fördert die Ablösung politischer Institutionen durch Institutionen unmittelbar verkörperter ökonomischer Interessen, nämlich der Medien. Medial propagierte Effizienz-Ideologien etablieren sich als moralische Richtschnur gesellschaftlichen Handelns.

Suspension von Verantwortung und Erfolgsideologie

Die Frustration gemeinwohl- oder gemeinwesenorientierter Arbeit durch Ideologisierung und ökonomische Liquidierung macht diese Arbeit zunehmend unattraktiv.

Interessenrepräsentation und Interessenausgleich im Diskurs, Vertragswesen und Kompromiss erscheinen als mühselig, ineffizient und der Interessenkorruption verdächtig. Die Schwatzbuden-Metapher wird wiederbelebt. Der Ruf nach einfachen, schnell getroffenen und schnell durchgesetzten Entscheidungen ertönt. Der unmittelbare Erfolg heiligt die Mittel und gilt als Maßstab der Effizienz gesellschaftlichen Handelns. Öffentliches Nachdenken über Zielsetzungen und langfristige Folgeabschätzung wird von Motiven der sofortigen Belohnung abgelöst.

Korruption von Innen

Dummheit durch Hässlichkeit. Die schleichende, untergründige Verderbung der moralischen Urteilsfähigkeit durch dauerndes, alltägliches Ausgesetztsein in fabrizierte Naturwidrigkeiten aller Art.

Plötzlichkeit und Vergesslichkeit

Geschwindigkeit und Dichtigkeit der Aufeinanderfolge von Informationen und Ereignissen, die nicht dem eigenen Kompetenzkreis angehören, garantieren Zerstreuung und Rückzug in edle Einfalt, stille Größe im Privaten.

Superlativismus

Die medialen Aufmerksamkeits- und Relevanz-Mechanismen erzeugen ein Dauerstakkato in Superlativen der Form und des Inhalts. Das ununterbrochene Geschrei um Aufmerksamkeit resultiert in Abstumpfung gegenüber dem Lärm und Arbeitsverweigerung gegenüber Informationen.

Pornografisierung

Identifikation und Bindung von Zielgruppen bei der Bearbeitung durch mediale Agenten sucht stets das niedrigste mögliche Niveau auf, appelliert an die niederen Instinkte, also vorrangig Faulheit, Neugier, Klatschsucht, Schadenfreude, Herrschsucht und sexuelle Lust aller Art.

The Plan

In the beginning was the plan, and then the specification;
And the plan was without form, and the specification was void.

And darkness was on the faces of the implementors thereof; and they spake unto their leader saying:
"It is a crock of shit, and smells as of a sewer."

And the leader took pity on them, and spoke to the project leader:
"It is a crock of excrement, and none may abide the odor thereof."

And the project leader spake unto his section head, saying:
"It is a container of excrement, and it is very strong, such that none may abide it."

The section head then hurried to his department manager, and informed him thus:
"It is a vessel of fertilizer, and none may abide its strength."

The department manager carried these words to his general manager, and spoke unto him saying:
"It containeth that which aideth the growth of plants, and it is very strong."

And so it was that the general manager rejoiced and delivered the good news unto the Vice President.
"It promoteth growth, and it is very powerful."

The Vice President rushed to the President's side, and joyously exclaimed:
"This powerful new product will promote the growth of the company!"

And the President looked upon the product, and saw that it was very good.

After the subsequent and inevitable disaster, the suits protect themselves by saying "I was misinformed!", and the implementors are demoted or fired.

anonymus
20. Jahrhundert

 


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