Diesseits und jenseits des Atlantiks wird immer wieder mal heftig über einen baldigen Zusammenbruch des Weltwährungssystems und über Alternativen zum gegenwärtigen System spekuliert. Besonders die Anhänger der sog. „Österreichischen Schule“ (v. Mises, v. Hayek e.a.) propagieren die Wiedereinführung des (modifizierten) Goldstandards nach dem unausweichlichen Zusammenbruch.
Begründet wird das mit der dramatisch krisenhaften Entwicklung in der Leitökonomie dieser Welt, vor allem der extremen öffentlichen und privaten Verschuldung, dem Wertverlust des Dollars, der sinkenden Investitionsrate, dem Rückgang der industriellen Produktionsbasis, dem rasanten Anstieg des Aussenhandelsdefizits und mit den bereits einsetzenden Abwertungswettkämpfe der internationalen Währungen.
Gleichzeitig werden die Edelmetalle, insbesondere Gold, auf den internationalen Märkten als Investment wiederentdeckt. Dadurch wird die Rolle der Edelmetalle als Währungs-Barometer offensichtlich, was sich fundamental vom Blick auf Edelmetalle als Rohstoffe unterscheidet.
Bereits die Entwicklung in der Wahrnehmung von Gold lässt sich als herausragendes Alarmzeichen für wichtige Verschiebungen in den Prioritäten der internationalen Finanzmärkte interpretieren. Ob allerdings dieses Alarmzeichen unbedingt im Sinne der Anti-Fiat-Argumentation traditioneller „gold bugs“ verstanden werden sollte, dürfte mehr als zweifelhaft sein. Die klassische Pro Gold-These lautet dahin, dass die inneren Widersprüchliche der politischen und ökonomischen Entwicklungen in den USA, die rapide ansteigenden verschiedenen Formen der öffentlichen und privaten Verschuldungen sowie das gigantische Handelsdefizit usw. von den Grundlagen her eine Auflösung des aktuellen Währungssystems (mit der Welt-Leitwährung $US) erzwängen, entweder
Wegen der weltweit unauflöslich dichten gegenseitigen Verflechtungen der Unternehmen und Volkswirtschaften und den daraus folgenden Krisen müsse dieses Währungssystem global so an Vertrauen verlieren, dass dieser Vertrauensverlust zu einem Systemkollaps führen müsse und das bisherige Währungssystem durch ein wertgedecktes Neues ersetzt werde.
Dieser Auffassung liegt der Gedanke zugrunde, dass souverän, aber willkürlich erzeugtes Geld (Fiat – Es werde), das lediglich auf Versprechungen, Verpflichtungen und Vertrauen basiert, kein echtes Geld sei, selbst wenn es überall als Geld akzeptiert wird. Da es grundsätzlich zur Inflationierung neige, weil es den Instrumenten der Souveränität unterworfen und ihren tagespolitischen Wünschen ausgesetzt sei, sei ein krisenhaftes Ende des Fiat-Geldes stets unausweichlich. Diese Entwicklungstendenz liesse sich global historisch nachvollziehen.
Da die Leitwährung der Welt, der $US, nicht durch irgendwelche materiellen Werte wie z.B. Gold gedeckt sondern reines Fiat-Geld sei, sei deren Untergang somit grundsätzlich vorgezeichnet. Darüberhinaus bewirkten „steuernde“ Eingriffe in den Markt, z.B. Zinsmanipulationen durch Zentralbankaktivitäten allgemein lediglich Fehlverteilungen von Geldmengen, was zur Entstehung oder Verschärfung von Wirtschaftskrisen führe.
Im Sinne eines idealen freien Marktes aber seien Krisen notwendige Um-Steuerungsprozesse und auf Dauer sinnvolles wirtschaftliches Handeln nur unter Ausschluss staatlicher Eingriffe möglich.
Als echtes Geld auf einem idealen freien Markt gelten nur Edelmetalle wie Gold und Silber, deren Rolle als Geld nicht erzwungen werden müsse und denen keine Schuldverpflichtung zugrunde läge, sondern innerer Wert. Gold könne als Naturgrösse nicht beliebig erzeugt, sondern nur zu bestimmten Kosten gewonnen werden. Konsequenterweise könne deshalb Geld, das in einem bestimmten Proportionalverhältnis an die vorhandene Menge Goldes gebunden sei, nicht beliebig über das Kreditsystem vermehrt werden. Das wiederum führe zu stabilen oder vorhersehbaren wirtschaftlichen Entwicklungen ohne dramatische Krisen.
Das alles klingt sehr plausibel und hat zunächst auch viel Augenschein für sich, gerade dann, wenn man sich vom offiziellen Gesundbeten ab- und der eigenständigen Beobachtung und Bewertung weltwirtschaftlicher und geopolitischer Vorgänge zuwendet.
Bei näherer Betrachtung ergeben sich jedoch einige grundsätzliche Einwände. Wirtschaftliches Handeln dient nicht lediglich wirtschaftlichen Zwecken. Es gibt beliebig viele Gründe, die wirtschaftliches Handeln motivieren können. Das ist eine Binsenweisheit.
Aber auch die Effizienz wirtschaftlichen Handelns muss nicht immer nur in wirtschaftlichen Kategorien sinnvoll messbar sein. Wenn es z.B. gilt, taktische oder strategische Vorteile auf dem Feld der Politik, (die wiederum ein Instrument der Ökonomie sein kann), zu erreichen, dann kann es durchaus angemessen sein, ökonomische Verluste hinzunehmen.
Unser aktuelles Weltwährungssystem ist als Fiat-Geldsystem nicht unmittelbar durch materielle Werte gedeckt, sondern beruht vordergründig auf Versprechungen und Vertrauen. Im Hintergrund aber, viel entscheidender, ist das Geldsystem macht- bzw. gewaltgedeckt.
Daher wird die Krise des zur Zeit gültigen Weltwährungssystems wohl anders verlaufen als von vielen prognostiziert. Denn die Deckung durch Macht und Gewalt bindet zwar indirekt auch wieder an einen materiellen Wert an, allerdings auf subtilere Weise als ein Goldstandard.
Seit der restlosen Abschaffung des Goldstandards 1971 gibt es zwar keine offensichtliche Wertbindung des Dollars mehr (oder irgendeiner anderen Währung) an irgendwelche greifbaren Werte. Trotzdem gibt es konkrete Gründe dafür, dass der $US als die Leitwährung der globalen Ökonomie funktioniert. Und diese Gründe sind nicht allein nur im Ökonomischen zu finden.
Der US-Dollar als Leitwährung der globalen Ökonomie funktioniert durch die Verfügungsgewalt der USA über eben diesen $US als das Fakturierungsmittel des Erdöls, das seinerseits die essentielle Resource aller Industriegesellschaften und des Kapitalismus schlechthin ist.
Die weltweit militärische, politische und wirtschaftliche Vorherrschaft der USA konnte nicht zuletzt dadurch errungen werden, dass gegen die Mitte der siebziger Jahre des 20. Jahrunderts die ausschliessliche Verrechnung des Öls gegen US-Dollars mit den Erdöl-Förderländern verbindlich vereinbart werden konnte. Die Bindung des Handels von Erdöl an den US-Dollar wurde nicht einfach irgendwann per Dekret eingeführt, sondern war 1975 ein wichtiges Ergebnis in einer Reihe von krisenhaften internationalen Auseinandersetzungen im Rahmen der Blockkonfrontation, der Entkolonialisierung, der Auflösung des britischen Imperiums und des israelisch-arabischen Konfliktes.
Konkreter Anlass dieser Regulierung des Marktes zugunsten der USA war das zweite Öl-Embargo der OPEC im Gefolge des Yom Kippur-Krieges, notwendig wurde sie durch das Überschreiten des Öl-Förderhöhepunktes in den USA und den damit verbundenen Übergang der USA vom Öl-Exporteur zum Öl-Importeur, zeitgleich mit der Verstaatlichung des Öls in den wichtigsten Produzentenländern. Möglich wurde die Vereinbarung als Tausch gegen umfassende, stillschweigende Sicherheitsgarantien der Amerikaner für diverse arabische Ölstaaten (allen voran Saudi-Arabien) und deren Bevorzugung bei Waffenlieferungen.
Allesamt Nachwirkungen des II. Weltkrieges, in dem die USA erstmals als bedeutendste Militär- und Wirtschaftsmacht in der Nachfolge des britischen Empire auftraten. Die wirtschaftlichen Auswirkungen des Vietnam-Krieges hatten 1971 dazu geführt, dass der letzte Rest an Wertdeckung des Dollars, und damit der Leitwährung der Welt, der Goldstandard im Aussenhandel, abgeschafft und durch ein Wechselkurssystem ersetzt wurde.
Damit war die weltweite Einführung des reinen Fiat-Geldsystems durchgesetzt. Durch das Abkommen von 1975 über die ausschliessliche Abrechnung aller Öl-Exporte gegen $US konnte zusätzlich die essentielle Notwendigkeit des Erdöls für alle Ökonomien aller Staaten dieser Erde als Garantie für die praktische Umsetzung des Fiat festgeschrieben werden.
Der verborgene Faktor aber hinter der Herrschaft des US-Dollars als Leitwährung des globalen Wirtschaftssystems ist die jederzeitige Fähigkeit der USA, die Einhaltung der Fakturierungs-Regelung selbst dann, (durch Entzug des Schutzes oder durch Intervention), erzwingen zu können, wenn sich weder Erzeuger- noch Konsumenten-Staaten noch länger daran halten wollen oder können.
In einer Epoche kritischer strategischer Schwäche ist es, aus der Tagessituation heraus, der amerikanischen Verhandlungspolitik unter Henry Kissinger gelungen, Defizite in Potentiale zu verwandeln, indem der Dollar aus der ökonomische Krise über das Öl mit fundametalen geopolitischen Elementen zur neuen Leitwährung im globalen System verknüpft werden konnte.
Es ist unwahrscheinlich, dass dieser Erfolg möglich gewesen wäre ohne die Bedrohung der inneren Stabilität der wichtigsten Erdölproduzenten in der OPEC durch die Systemkonfrontation mit der UDSSR und die durch sie geförderten weltweiten antikolonialen Befreiungsbewegungen.
Im Ergebnis jedenfalls ist seitdem
Die US-Ökonomie kann somit, ohne wesentlich Sanktionen befürchten zu müssen, in beliebiger Höhe mit Schulden belastet und inflationiert werden, da der Zustrom von Kapital aus allen übrigen Ökonomien, die überhaupt am globalen Warenaustausch teilnehmen (müssen), in beliebiger Höhe “garantiert” ist, solange der Nexus Öl-$US fortbesteht.
Der US-amerikanische Kapitalmarkt ist das “schwarze Loch” um das alle anderen Ökonmien dieser Erde gravitieren.
Dadurch steht den Administrationen der USA wie sonst keinem Staatswesen der Welt der Weg offen, jederzeit über die Geldschöpfungs- und Zinssteuerungspolitik der Zentralbank expansive staatliche Investitionsprogramme in beliebigen Grössenordnungen auflegen zu können, ohne einen sozialtechnisch notwendigen minimalen Lebensstandard im Inneren aufgeben zu müssen, da Armut jederzeit per Währungsmechanismus exportiert werden kann.
Über diese ausserordentliche Macht aber gebieten die Wirtschaft und die Politik in den USA solange und nur solange als
Solange keine alternative Währung (Edelmetall oder Fiat eines alternativen ökonomischen Blockes) als Abrechnungs- bzw. Investitionsmedium gewählt wird, besteht für alle Staaten der Welt die Notwendigkeit, einerseits $US-Dollars zu erwerben (gegen Exporte oder als Kredite), um damit Öl erwerben zu können oder andererseits aus Exporten erworbene $US am Weltmarkt zu nutzen oder wiederum in den USA zu investieren.
Der Zustrom billigen Kapitals und billiger Konsumgüter in die USA bleibt solange gesichert, solange dieser Mechanismus dauert.
Im Vorteil sind dabei (ausser den Erdölexporteuren) vor allem die Staaten mit entwickelten Ökonomien, die durch Exporte hochwertiger Handelsgüter hohe Aussenhandelsumsätze erzielen und sich davon ihre Energie-Importe leisten können. Staaten mit weniger entwickelten Ökonomien und geringen eigenen Energie- bzw. Öl-Vorkommen geraten schnell in Abhängigkeiten zu Kreditgebern, die die benötigten Dollarmengen bereitstellen.
Diese speziellen gegenseitigen Abhängigkeiten und die daraus entwachsenden sozialen, politischen und wirtschaftlichen Konsequenzen bilden im Wesentlichen das, was man Globalisierung nennt.
Die Schuldenkrisen der Rohstoff-Exporteure der sog. 3. Welt aufgrund des Kapitalrecyclings der Ölproduzenten, die Verteilung von Petrodollarkrediten über Weltbank und die Steuerung der inneren Entwicklung der Kreditnehmer durch die Vorgaben des IWF, das Problem der Aussenhandelsüberschüsse und der Deflation in Japan und das gigantische Aussenhandelsdefizit der USA usw., alles dieses sind Erscheinungsformen des $US/Öl Nexus, die unter dem Schlagwort Globalisierung zusammengefasst werden.
Grundsätzlich können diese Formen der Globalisierung als für die USA wünschenswerte Konsequenzen angesehen werden, da sie immer wieder dazu beitragen, auf der einen Seite potentielle Konkurrenten schwach oder beschäftigt zu halten und andererseits das Kreditregime des IWF die grundsätzliche ökonomische Position der USA stärkt. Unter dem Regime des IWF (und der WTO) verpflichten sich alle Teilnehmer auf gegenseitige Öffnung der Märkte, Industriealisierungsprogramme mit spezifischem Energiebedarf und die Beseitigung der sog. Handelshemmnisse, vor allem sozialtechnische Regularien, sodass sie automatisch dazu beitragen, den Kapitalzufluss in die USA am Leben zu erhalten.
Dass nach dem Ende der Blockkonfrontation nicht die Staaten Lateinamerikas oder des afrikanischen Kontinents im Interessenfokus einer konstruktiven amerikanischen Politik stehen, sondern die Staaten Asiens und des Nahen Osten mit Drohungen und Krieg überzogen werden, ist nicht nur kein Zufall, sondern Ergebnis der Neubewertung der Freund-Feind-Konstellation nach dem Wegfall des symmetrischen Feindes UDSSR. Die primären strategischen Aktivitäten der USA und ihrer Verbündeten richteten sich bis 1989/1990 gegen die UDSSR und deren Verbündete. Die ideologisch-militärische Blockkonfrontation verhüllte kraft ihrer Existenz die breitere Durchsetzung der Erkenntnis, dass sich die USA gleichzeitig mit der totalen globalen Dominanz durch den Dollar als Leitwährung auch ihre grösste strategische Schwäche geschaffen hatten. Das System steht und fällt schliesslich mit den vier Vorbedingungen
Alle Bedingungen müssen gleichberechtigt erhalten bleiben, damit der Strom weltweit erwirtschafteten Kapitals weiterhin ungehindert den amerikanischen Markt erreichen kann. Fällt eine Bedingung aus, endet der Automatismus. Bei näherer Betrachtung zeigt sich, dass der Nexus im Kern nur eine materielle Tatsache aufweist: Die weltweite, ökonomische Verfügbarkeit und Handelbarkeit des Öl in seiner Funktion als Primäre Ressource. Alle anderen Bedingungen sind davon oder von grundsätzlichen, aber willkürlichen politischen Entscheidungen abgeleitet.
Wie oben bereits erwähnt, wurde der $US/ÖL-Nexus geschaffen, nachdem der Förderhöhepunkt beim Öl in den USA bereits überschritten war; inzwischen, behaupten Fachleute der Öl-Exploration, nähern wir uns dem Förderhöhepunkt für die Öl-Vorräte der gesamten Welt, oder wir haben diesen Höhepunkt bereits überschritten. (Die Spannbreite der Prognosen für peak oil reicht von ca. 2000 bis ca. 2015). Der weitaus größte Anteil am weltweiten Ölvorrat konzentriert sich im Nahen Osten, auf der Arabischenn Halbinsel, im Irak und im Iran. Wesentliche vermutete Vorkommen rund um das Kaspische Meer. Ein Ende der ökonomisch vertretbaren Vefügbarkeit des Öls ist also bereits in Sicht, die Dauer der Auslaufphase hängt lediglich von der Beschleunigung der Konsumrate in unserer Gegenwart ab. Die geopolitischen, ökonomischen und zivilisatorischen Konsequenzen sind absehbar: Das Ende des Industrialismus rückt unaufhörlich näher, und das z.T. noch in der Lebensspanne der BabyBoomer-Generation. Die meisten Prognosen gehen von einem Zeitraum von ca. maximal 50 weiteren Jahren aus (bis ca. 2050-2065), bis die ökonomisch sinnvoll nutzbaren Energievorräte aufgezehrt sein werden und weiteren 50 Jahren, bis überhaupt keine fossilen Kohlenwasserstoffe mehr zur Ausbeutung zur Verfügung stehen. Der erste Abschnitt der Verknappung fossiler Kohlenwasserstoffe wird sich mit der Explosion der demografischen Bombe der Baby-Boomer-Generation treffen, wenn die „geburtenstarken Jahrgänge“ der Industrienationen als Rentner aus der Produktivität ausscheiden werden. Hier zeichnen sich also massive soziale, ökonomische und politische Verwerfungen in den Industrienationen ab. Und es wird klar, dass es sich heute entscheidet, wer strategisch vorteilhaft platziert ist, die geopolitischen Kraftlinien beherrscht und über die fossilen Brennstoffe gebietet. Für die USA, den weltgrößten Schuldner und Öl-Importeur und -Konsumenten, steht dabei alles auf dem Spiel: Es geht um die zeitlich möglichst auf das Äusserste gestreckte
Solange sich die USA hier behaupten können, können sie auch ihre Position als einzige verbliebene Supermacht behaupten.
ist das vor allen anderen Möglichkeiten gewählte Werkzeug der G.W. Bush-Administration, um die skizzierten notwendigen Elemente einer dauerhaften globalen Vorherrschaft der USA am Leben zu erhalten. Auf die ernsthafte Bedienung traditioneller Bündnisssysteme wird dabei völlig pragmatisch verzichtet. Die Niederlage der UDSSR im Kalten Krieg und damit das Ende der Blockkonfrontation hatte mehrere Effekte auf die bisherigen Konstellationen:
Nach anfänglich euphorischen Hoffnungen auf die Friedensdividende nach dem Ende der Geschichte zeigte sich schnell, daß aus dem Zerfall der UDSSR und deren Klientelstaaten zunächst keine neue, symmetrische, Bedrohung durch eine Großmacht erwachsen würde, sondern eine Vielzahl regional begrenzter Neuordnungskonflikte, die im Wesentlichen revisionistischen Charakter tragen (ethnic cleansing).
Mit dem Wegfall der UDSSR als Bedrohung entfielen auch die bisher bewährten Methoden und vor allem Legitimation der Unterstützung antidemokratischer und diktatorischer Systeme oder nationalistischer Separatisten und „Befreiuungsbewegungen“ als Bollwerke gegen den Kommunismus.
Speziell die Machthaber der arabischen Ölstaaten, die mit den USA verbündet waren, durften sich fragen, wie Massenströmungen, die zunächst für den Krieg gegen die UDSSR in Afghanistan aus dem Bündnis gefördert und radikalisiert worden waren, nun aber begannen, sich zunehmend innenpolitischen Fragen zuzuwenden, wieder zur Ruhe zu bringen oder aus der Welt zu schaffen waren.
Tatsächlich wurde diese Gefährdung der Stabilität in den Golfstaaten von den verbündeten USA lediglich global instrumentalisiert. Denn als die Hauptbedrohung der Übergangszeit wird nun der weltweit übernational agierende Terrorismus erkannt und die damit assoziierten „Schurkenstaaten“ (rogue states) als potentielle Sponsoren des Terrors und Quellen der Bedrohung der Welt durch Massenvernichtungsmittel. Fundamentalismus, Islamismus und Netzwerke wie Al Quaida werden als Inkarnationen dieser Bedrohung identifizert.
Das ist natürlich ein pragmatischer Vorwand für weltweit unlimitierte unilaterale Interventionen, der den USA mit den Anschlägen vom 11. September 2001 buchstäblich vom Himmel geschenkt worden ist.
Ohne große Mühe lässt sich durch den Fokus auf den antiwestlichen und fundamentalistischen Islam die traditionelle Ideologie von der Verbreitung von Freiheit, Frieden und Freihandel durch amerikanische Waffen auf den Kampf der Kulturen übertragen, wobei nun der Islam den Kommunismus ersetzt. Durch die Verknüpfung zwischen der Vergeltung für die Anschläge des 11. September und der Politik Israels wird aus diesem klischeehaften „clash of civilizations“ ein ebenso klischeehafter apokalytischer Krieg „to end all wars“ (G.W. Bush).
Unter dem Blickwinkel der oben entwickelten Gedankengänge erscheint der von der aktuellen Administration in den USA eingeschlagene Weg zwingend. Der Kampf auf unbestimmte Zeit gegen einen Gegner der nicht auf definierte staatliche Grenzen fixiert ist, ermöglicht
Das Ideale an diesem neuen Feindbild aus der strategischen Perspektive der USA ist die Tatsache, dass die Identifikation dieses Feindes es ermöglicht, sämtliche Hemmungen abzustreifen, die internationales Recht, UNO-Konventionen und ähnliche Rechtssetzungen implizieren. Da der Terrorismus nicht an staatliche Territorien gebunden ist und nicht in Form von Staaten bekämpft werden kann, entfallen auch alle legitimatorischen Beschränkungen aus der Geschichte der Konflikte zwischen Staaten: Jede Art von Invasion auf fremde Territorien, jede Intervention und jede Oppression lässt sich mit der Notendigkeit entweder des Verfolgens und Bestrafens von Terroristen oder mit der Notwendigkeit von Präventiv-Maßnahmen begründen.