Bisher konnten mit Recht gezweifelt werden, wenn von den neokonservativen Scharfmachern in den USA und ihren Gefolgsleuten in Europa behauptet worden war, beim Krieg gegen den Terror handele es sich in Wirklichkeit um einen Kampf der Kulturen und der Religionen. Diese Zweifel sind seit der letzten Woche beseitigt. Nun sind wirklich alle Voraussetzungen für einen apokalyptischen Kampf der Kulturen geschaffen. War das die Absicht der Auftraggeber der Folterungen?
Die systematischen Folterungen und Entwürdigungen islamischer Gefangener im Irak haben die Grundlagen für einen endlosen Guerillakrieg der islamischen Welt gegen den Westen geschaffen. Die Mehrheit der westlichen Staaten hat zwar den Krieg der USA gegen den Irak weder gewollt noch mitgeführt, manche haben ihn sogar aktiv bekämpft, aber nun heisst es: Mitgefangen - mitgehangen.
Die weltweite Veröffentlichung der Videos und Fotos von Folterungen und Entwürdigungen irakischer Gefangener in amerikanischer und britischer Haft, mit Szenen gezielter Verletzung der körperlichen, psychischen, kulturellen und religiösen Würde der Gefangenen haben sichergestellt, dass jeder Moslem auf der Welt den amerikanisch-britischen Angriff auf den Irak nun tatsächlich als einen fundamentalen Angriff des säkularen Westens auf den Islam und die islamischen Völker schlechthin verstehen muss.
Gezielt greifen die Torturen die Mentaltitätsstruktur durchschnittlicher arabischer Muslime und ihre religiös-kulturelle Identität an. Ohne detaillierte Kenntnisse, wahrscheinlich aus der Hand lokaler Geheimdienste, und ohne erklärte Absicht wäre diese sichtbar systematische Vorgehensweise nicht denkbar. Die Handlungsweise ausser Kontrolle geratener Einzeltäter sieht anders aus.
Die Verletzungen und Erniedrigungen, die Quälereien und die Brechung der islamischen Identität hilfloser Gefangener, all das fand stets vor laufender Kamera statt. Wozu, wenn nicht, um die Bilder später vorzuführen. Sei es, um andere Gefangene damit zu quälen, sei es, um damit Angst und Schrecken in der arabisch-muslimischen Welt zu verbreiten, sei es um die voyeuristischen Gelüste einheimischewr Kundschaft zu befriedigen. Vielleicht aber auch, um wirklich einen nicht mehr heilbaren Bruch zwischen der muslimischen und der westlichen Welt herbeizuführen.
Nicht einmal völkerrechtswidrige Aktionen Israels gegen die Palästinenser haben bisher die Frontlinie zwischen dem Westen und der islamischen Welt so tiefgreifend ziehen können, wie die Bloßstellung und absichtsvolle Verhöhnung der islamischen Werte vor den Augen der Weltöffentlichkeit.
Osama Bin Ladens Behauptung, die USA und ihre westlichen Verbündeten führten einen Kreuzzug gegen den Islam, konnte bisher stets mit Recht als ein Propaganda-Trick zurückgewiesen werden. Durch die Fernsehbilder aus dem Irak verwandelte sich für Millionen Muslime der Welt diese Behauptung zur medial miterlittenen Gewissheit.
Worte des Bedauerns können diese Gewissheit und ihre Konsequenzen nicht mehr aus der Welt schaffen. Doch aufrichtig gemeinte Entschuldigungen anstelle fernsehgerecht platzierter Krokodilstränen vermögen die Sachwalter in Washington und London ohnehin nicht zu äussern. Die den Bildern zugrunde liegenden Taten und die offiziellen Stellungenahmen der Regierungen fügten auch für skeptische und aufgeklärte Muslime das undeutliche Puzzle westlichen Handelns in Bosnien, Kosovo, Afghanistan und im Irak zum überzeugenden Bild vom Kreuzzug zusammen, vom Nah-Ost-Konflikt ganz abgesehen.
Seit dem Sykes-Picot Abkommen (über die Aufteilung der arabischen Anteile des untergegangenen Osmanischen Reiches unter Groß Britannnien und Frankreich) und der Gründung des Staates Israles in Palestina verstehen sich viele Araber als Opfer permanenter Verschwörungen des Westens gegen die arabische Welt und den Islam. Manche nennen dieses Verschwörungsdenken das grundlegende Trauma des arabischen Selbstbildes.
Osama Bin Laden versteht es nicht nur, geschickt auf der Klaviatur dieses Selbstbildes zu spielen und daraus die globale Konfrontation zu formen.
Vielmehr erreicht er es immer wieder, dass sich sein Hauptgegner, die US-Administration unter Präsident Bush, immer wieder in ihrem eigenen Lügennetz der Propaganda verwickelt und dadurch sich selbst größere Niederlagen zufügt, als es das Al Quaida Netzwerk mit Waffengewalt und Anschlägen je vermöchte.